Kriegerwallfahrt nach Vierzehnheiligen

 

 Georg Enzor Vojer

Kriegerwallfahrt nach Vierzehnheiligen

Aus dem Leben des Welt-Kriegers Georg Vojer

erzählt von ihm selbst



 

     Jeweils am ersten Sonntag im Mai treffen sich die fränkischen Kriegervereine zur Wallfahrt nach Vierzehnheiligen. Unter den Teilnehmern ist Georg Vojer, Veteran des Ersten Weltkriegs. Angeregt durch die Gebete und Gesänge während der Wallfahrt, erlebt er die wesentlichen Stationen seines Lebens noch einmal: das Weißbluten vor Verdun und den Verlust des sinnstiftenden Glaubens an Kaiser und Vaterland; den „Schandfrieden“ von Versailles und den Aufstieg und Untergang Hitlers; die Vernichtung der 6. Armee und so auch seines Sohnes im Kessel von Jassy-Kischinew; sein Leben als Kleinbauer und Korbmacher und den Tod seiner Tochter.    

     Georg Vojers Erinnerungen werfen Schlaglichter auf das 20. Jahrhundert. Seine Reflexionen über Krieg, Leid und Tod erhellen, dass der Mensch seinen Lebenssinn heute nicht mehr über eine kollektiv geteilte Weltanschauung finden kann. Er muss ihn individuell suchen und mit der Tapferkeit eines Kriegers die Schläge des Schicksals ertragen lernen.

...

  

Erzähl mir nichts!“

 

Der Zug hielt.

Und dies ist kein Roman.

Damit, lieber Leser, ist alles gesagt: Bewegung und Stillstand; sowie: Nichts ist bloß erdacht. Aller Inhalt, alle Handlung ist heraus; und es geht nicht um Fiktionen. Du, lieber Leser, kannst Dich auf anderes konzentrieren.

     Bewegung und Stillstand. Wir rücken vor und geraten ins Stocken. Wir stocken und rücken vor. Bisweilen – bisweilen? – taumeln wir. Oder wir laufen sogar zurück.

     Aber was habe ich eigentlich gesagt? „Zug“ – was bedeutet dies? Nichts Eindeutiges, geradezu viel, sehr viel, erschreckend viel. Zug – das ist im Kontext meines Lebens, von dem Du, lieber Leser, etwas erfahren sollst, wenn Du nur willst: ein Gespann, in meinem Fall ein Gespann von zwei Kühen, zum Ziehen eines Wagens oder eines Pfluges; dann ein Fortbewegungsmittel, eines, das uns soeben nach Lichtenfels gebracht hat, den Ausgangspunkt unserer Kriegerwallfahrt nach Vierzehnheiligen; aber doch auch die unter dem Kommando eines Zugführers stehende militärische Teileinheit von etwa 35 Soldaten, die wiederum in Trupps zerfällt und deren übergeordnete Einheit die Kompanie ist. „Zug“ bezeichnet aber auch die gewundene Vertiefung im Lauf einer Feuerwaffe, um dem Projektil zur Stabilisierung der Flugbahn einen Drall zu verleihen. Aber auch die Bedeutung "Zug als Fortbewegungsmittel‘ ist komplex: Ein Zug in Friedenszeiten ist etwas anderes als ein Zug, der Soldaten an die Front fährt, ein Zug, der zur Kriegerwallfahrt fährt, etwas anderes als ein Zug, in dem man möglichst rasch eine Wegstrecke zurücklegen will. Und stocken und vorrücken: Wie viele Arten davon gibt es wohl?

     Ich überblicke die Zeilen und bemerke, dass ich in eine Art merkwürdige philologisch-philosophische Reflexion geraten bin. Dabei wollte ich doch nur etwas verdeutlichen, wollte mich nur verständlich machen. Ich bin ein einfacher Mann. Weder studiert noch Facharbeiter oder dergleichen. Doch bin ich, das darf ich, muss ich sagen, empfänglich für das Andere, Höhere, über die bloße Arbeit Hinausgehende. Reflexionen über das Leben, über „Gott und die Welt“, gehören zu mir, wie ich auch einen Bezug zur Musik habe. Zudem habe ich in letzter Zeit viel gelesen, vor allem auch Literatur über den Krieg, zum Krieg. Ja, ich habe mich gebildet: nicht aus Frivolität oder Langeweile, sondern weil es mir notwendig schien, das zu verstehen, was mir widerfuhr. Das, was ich gelesen und, wie ich glaube, auch verstanden habe, half mir und hilft mir noch, mein einfaches Leben reflexiv zu beleuchten, ihm nicht mehr bloß verhaftet zu sein. Steht man zu nah vor einer Sache, sieht man sie nicht mehr als Ganzes. Ich war mir selbst zu nah, daher musste ich Abstand gewinnen – um mich nicht zu verlieren. Ich habe mein naives Empfinden, das Empfinden eines Menschen ohne höhere Schulbildung, dadurch auf eine andere Stufe gestellt. Zunächst erzeugte dieses Vorgehen ein großes Chaos. Ich konnte beides nicht zusammenbringen: das Ganzheitlich-Naive meines Lebens (und ich meine das gar nicht abfällig) und das reflexive Durchdringen (das ja nicht selten rein destruktiv verfährt). Aber nach und nach, ich rede hier nicht von Wochen, auch nicht von Monaten, sondern von Jahren, nach und nach, sage ich, konnte ich etwas „anfangen“ mit dem, was ich las: Ich konnte es einordnen, konnte es beurteilen und bewerten, war dem Gelesenen nicht einfach ausgeliefert. Und nach und nach fanden sich mein naives Leben und mein reflexives Durchdringen zusammen. Sie haben sich zusammengeschlossen, zusammengebildet. Mit der reflexiven Durchdringung, mit der Arbeit des Begriffs, wie die Philosophen sagen, habe ich mein naives Dasein bewerten und verstehen gelernt – soweit man es eben verstehen kann. Denn dunkel ist – und bleibt! – das Leben, bleibt der – Tod. Die Reflexion nimmt die Dunkelheit nicht in dem Sinne weg, wie man, darf ich es sagen?, einem gefallenen Kameraden die Erkennungsmarke wegnimmt oder den Mantel, wenn der eigene zerschlissen ist. Ja, in einem Sinn, den ich hier, auf den ersten Seiten, nicht sogleich darlegen will, steigert die reflexive Durchdringung die Dunkelheit sogar. Durch die Reflexion wachsen beide: Klarheit und Dunkelheit. Wie sollte ich heute nicht froh sein, dass ich mich gebildet habe!

     Dennoch glaube ich, mein Wesen als einfacher Mann behalten zu haben. Ja, manchmal kommt es mir sogar vor, dass ich erst durch dieses „Studium“ recht eigentlich einfach geworden bin, da ich erst jetzt das Einfache und seinen Zusammenhang mit dem Abgeleiteten und Komplexen zu bewerten weiß. Was wir einfachen Leute den anderen voraushaben, ja voraushaben, ist dies: Wir nehmen die Dinge schwer; wir nehmen die Dinge schwer, ohne es zu wissen; „schwer“ heißt: für sich, nicht nur und sogleich in Relation zu anderem. Wir kennen nicht schon tausend Gründe, warum es so ist und nicht anders, warum es aber auch hätte anders kommen können, wenn nur das oder jenes eingetroffen wäre. Erzähler, zumal die, die sich allwissend gebärden, gehören zu den Leuten, die die tausend Gründe kennen oder vielmehr so tun, als würden sie diese kennen. Ich will nichts erzählen. Ich bin kein Erzähler, geschweige denn ein „Romancier“. Ich verachte sie alle, die Erzähler und „Romanciers“: Sie erfinden, anstatt zu erleben. „Erzähl’ mir nichts!“ sagt unwillig und leicht erzürnt bisweilen ein Bekannter oder Freund zu mir, wenn ich ihm etwas zunächst Unglaubwürdiges mitteile. „Erzähl’ mir nichts!“ – das sollte man heute allen Erzählern entgegenrufen. Wenn ich hier, auf diesen Seiten, von mir berichte, so kann ich versichern, dass ich keine „Figur“ bin in einem fiktiven Geschehen, sondern ein Mensch, ein Mensch durchaus. Es gibt somit auch keine „Figuren-Konstellationen“, denn alle Personen, die hier vorkommen, sind wirkliche Menschen oder waren wirkliche Menschen. Ich habe erlebt – zu viel, zu Großes. Sind diese Erfahrungen überhaupt mitteilbar? Erzählen kann ich sie jedenfalls nicht, hätte ich das Erzählen auch erlernt gleich einem professionellen Erzähler. Und Du, lieber Leser, spendetest mir ein großes Lob, könntest Du sagen – ist es denn schon einmal gesagt worden in der langen Geschichte des Erzählens? –: Man glaubt, einen Geschichtenerzähler vor sich zu haben, und man erkennt – einfach nur einen Menschen, einen einfachen Menschen.

     Aber vielleicht, lieber Leser, zweifelst Du auch daran, dass ein so einfacher Mensch wie ich das nun Folgende niederschreiben kann. Das wäre einerseits ein großes Lob für mich, fast schon das größtmögliche, andererseits aber auch betrüblich, denn Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit sind ja für ein Buch wie dieses sehr, sehr hohe Werte. Ich gebe hier für alle Zweifelnden zu bedenken: Wer sagt, es sei unmöglich, dass ein Mensch mit Volksschulbildung all das, was nun im Folgenden behandelt wird, sich aneignen und für den Leser verständlich niederschreiben kann, der, möchte ich mit der Erfahrung des Kriegers sagen, weiß nichts davon, dass ein von einer Sache geführter und von ihr eingenommener Mensch wahrlich mehr als nur Gewöhnliches und Erwartbares vollbringen kann.

     Ich gebe aber auch zu – doch eigentlich ist da gar nichts „zuzugeben“ –, dass ich in einigen Angelegenheiten und Problemen meinen Enkel, von ihm wird noch die Rede sein, oftmals um Rat gefragt habe, um den Rat dessen, der an der Akademie jahrelang Philosophie und andere Dinge studiert hat. Und ich gebe auch zu – wenn, wie gesagt, „zugeben“ hier das rechte Wort    ist –, dass einige Stellen des nun Vorliegenden in Zusammenarbeit oder im Gespräch mit ihm entstanden sind. Bei einigen Passagen wird dies offensichtlich sein, etwa wenn es gegen Ende dieser Ausführungen um die Übersetzung und das Verständnis einer griechischen und lateinischen Sentenz geht. Dieses gemeinsam Erörterte und Verhandelte habe ich unmittelbar nach dem Gespräch aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Es ist aber unmöglich, jetzt zu sagen, welcher Satz nun von mir und welcher von ihm, welcher von uns beiden ist [...]

  

 

Die Kriegerwallfahrt

 

Was habe ich erlernt? Ich habe gelernt, ein Land zu bebauen und Weidenkörbe zu flechten. Und ich habe gelernt, die Waffe zu führen. Ich bearbeitete das Land und die Weiden. Und ich ging den Weg des Kriegers. 

     Doch der Reihe nach: Wer bin ich, wo befinde ich mich? Ich heiße Georg Vojer und bin hier, zusammen mit meinem Enkel und Mitgliedern der Sodatenkameradschaft (ehemals Kriegerverein) Marktgraitz, auf der Kriegerwallfahrt nach Vierzehnheiligen. Hier ein Bild von mir. Was soll ich mich mit Worten beschreiben, wenn Du, lieber Leser, mich sehen kannst? Ich amüsiere mich geradezu über die „Romanciers“, die verzweifelt-gequält versuchen, die Erscheinung eines Menschen in Worte zu fassen, wenn doch ein Bild – so man sehen gelernt hat (das wohl!) – mehr sagt als tausend Worte! Solche Versuche scheinen mir antiquiert, nicht zeitgemäß. Das hängt bei den „Romanciers“ natürlich mit dem fiktiven Charakter ihres Machwerks zusammen: Sie könnten ja gar nichts vorweisen, selbst wenn sie wollten! Sind ihre „Figuren“ doch alle erfunden – und sie müssten dann ja auch die Bilder erfinden. Eines Tages wird auch das geschehen! Das vorauszusehen ist nicht schwer […]

      Zurück zu unserer Wallfahrt. Vierzehnheiligen wirst Du kennen. Es ist weit über die Grenzen meiner Heimat hinaus bekannt, eine kunsthistorische Kostbarkeit, wie man sagt. Aber darum geht es heute nicht – oder vielmehr: darum geht es heute nicht nur. Denn natürlich nehme auch ich die Kirche wahr in ihrer Schönheit, Erhabenheit. Das, was wir hier erleben, hat mit dieser Schönheit und Erhabenheit zu tun, aber es geht beileibe nicht in ihr auf.

      Aber was ist eine Kriegerwallfahrt? Der Name stammt nicht von mir. Er ist offiziell – oder vielmehr: Er war offiziell. Denn seit einiger Zeit nennt man sie, sucht sie wenigstens so zu nennen: „Friedenswallfahrt“. Dieser neue Name ist töricht, zumindest gedankenlos. Denn auch auf der Kriegerwallfahrt haben wir niemals zu er-beten versucht, dass es wieder einmal einen Krieg gibt; und die geführten Kriege wurden niemals glorifiziert. Wer in dem Krieg war, in dem ich war, glorifiziert den Krieg nicht, auch nicht im Nachhinein. Mag sein, dass man das, was mit dem Krieg einhergeht, wie etwa die Kameradschaft der Kämpfer, bewundert; aber damit verherrlicht man doch niemals den Krieg als solchen. Darüber wird noch zu sprechen sein. Bei einer Kriegerwallfahrt – ich bleibe bei diesem Namen –, wie sie einmal jährlich nach Vierzehnheiligen stattfindet, immer am ersten Maiensonntag, treffen sich die Mitglieder der Kriegervereine oder eben jetzt „Soldatenkameradschaften“ (warum nicht „Friedensvereine“?) der näheren und weiteren Umgebung, um gemeinsam nach Vierzehnheiligen zu wallfahren. Welchen Zweck diese Wallfahrt hat? Sie ist, im Gedenken an den Krieg und das Soldatentum, zu Ehren Gottes, sie ist zu seinem Lobpreis. Aber was haben die Kriegervereine, was hat der Soldat mit dem „lieben“ und „friedfertigen“ Gott zu tun? Nun, darüber redet man nicht gerne, offiziell wenigstens nicht. Inoffiziell gesprochen, und damit offen und wahrhaftig, der Wahrheit verpflichtet, haben Gott und Krieg viel, sehr viel miteinander zu tun. War es nicht unsere Religion, die das Bild des Feindes im grundlegenden Sinne, des „Ur-“ und „Erz-Feindes“, erst geschaffen hat? Denn der Teufel als Widersacher Gottes (ein gestürzter Engel) ist ja geradezu das Musterbild des Feindes. Vor ihm, so die offizielle Lehre, muss man ständig auf der Hut sein. Denn ein für allemal besiegen kann man ihn nicht. Er steht immer wieder auf! Dann ist ja speziell unser Gott, der Gott des Christentums, ein Gott des Leidens, der Schmerzen und des Blutes, ein Gott, der gedemütigt wird mit dem schändlichsten aller Tode, dem Kreuzestod. Freilich ist unsere Religion auch eine Religion der Auferstehung. Doch die ist eine Sache des Glaubens, während Leid und Tod real, erfahrbar sind. Zu unserer Religion gehört eine Mutter, die ihren Sohn verliert, vor der Zeit und durch gewaltsame Eingriffe. Erzfeind, Tod, Schmerz, Leid, Blut, verlorene Söhne, trauernde Mütter und Väter: das alles gibt es im Krieg im Überfluss. Sie sind der Krieg. Mir zerreißt es noch heute das Herz, wenn ich daran denke, dass mein Sohn aus dem Zweiten Krieg nicht zurückgekehrt ist. Er gilt als vermisst. Aber das kann heute nur heißen: Niemand weiß, wo und auf welche Weise er gefallen ist. Da wird mein Herz noch schwerer. Offiziell, laut amtlicher Mitteilung des Englischen Roten Kreuzes an meine Frau, bin auch ich gefallen, und zwar … bei Ypern.

Wohl kämpfte ich bei Ypern, aber es handelte sich um eine Verwechslung. Wäre doch auch bei meinem Sohn dergleichen noch möglich. Aber das zu hoffen ist gegen alle Wahrscheinlichkeit, gegen alle Vernunft. Meine Frau, ein wenig schlichter noch als ich und mit allen Vor- und Nachteilen sehr katholisch erzogen (darüber wird noch zu sprechen sein), wartet aber noch immer auf die Heimkunft unseres Sohnes aus dem Zweiten Weltkrieg. Wartet noch immer. Und jedes Mal, wenn sie diesen Schlager „Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus!“ hört, entweicht ein Seufzer, der aus dem Herzen kommt, ihrem Mund. Dann sagt sie bisweilen, dass sie wartet auf den vermissten, den – verlorenen Sohn. Auch mir wird dann schwer ums Herz, ja mir stehen die Tränen in den Augen. Doch muss ich Haltung bewahren, damit das Elend nicht überhandnimmt.

 

 

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